Interview mit dem Saxophonisten Heribert LeuchterIngenieur im Jazzkeller
Nach meinem Abitur 1972 studierte ich zunächst Maschinenbau an der RWTH, um es meinem älteren Bruder gleich zu tun. Ingenieure sind ein Sinnbild für Geradlinigkeit und Zielorientierung. Das habe ich immer gemocht. Außerdem machte mir die Mathematik viel Spaß.
Heribert Leuchter
- geboren in Aachen
- Saxophonist
- Diplom-Ingenieur (RWTH)
- Staatl. geprüfter Orchester-Musiker
- Gründer des Lux-Orchesters
- Namensgeber des Heribert Leuchter Trios
- Verschiedene weitere Projekte
- Aktuelle CD: Sounds of Science
Die humanwissenschaftlichen und medizintechnischen Aspekte haben mich im Studium immer am meisten interessiert. Trotz meiner Liebe zur Musik, habe ich das Studium beendet. Ich war Hilfswissenschaftler am Institut für Kunststoffverarbeitung und habe dort auch meine Diplomarbeit geschrieben.
Nach meinem Abschluss 1978 bekam ich schnell ein Angebot von Mannesmann. Ich konnte mir aber einfach nicht vorstellen, 40 Jahre im Büro zu sitzen oder Manager in abgehobenen Führungszirkeln zu werden. Wenn ich bedenke, dass ehemalige Kommilitonen heute Vorstandsvorsitzende von Industrieunternehmen oder Geschäftsführer von Mittelständlern sind, ist es schon auffällig, wie unterschiedlich unsere berufliche Entwicklung war. Dieses ständige Eingespannt-Sein wäre nichts für mich.
Ich wurde nicht als Entwicklungshelfer gebraucht
Zur Orientierungreise ging ich nach Südamerika, u.a um zu prüfen, ob ich als Entwicklungshelfer taugen könnte – und musste erkennen, dass frisch gebackene Akademiker nicht so sehr gebraucht werden. Mit dem, was ich gelernt hatte, konnte ich weder Brunnen bauen noch die Menschen im Alltag unterstützen. Nach meiner Rückkehr stand fest: ich wollte Musik studieren. Den Kontakt zur Musikhochschule hatte ich bereits. Schon während meines Studiums habe ich als Gastmusiker in der Hochschulbigband gespielt. 1983 machte ich dann meinen zweiten Studienabschluss, das staatliche Orchestermusiker-Examen. Das war eher ungewöhnlich, da ich eingefleischter Jazz-Musiker war. In Deutschland gibt es nicht eine Orchester-Stelle für staatlich geprüfte Musiker mit dem Instrument Saxophon.
Erfüllte und unerfüllte Wünsche
Trotzdem hat mich das Studium entscheidend weitergebracht: Ich habe gemerkt, dass Musik zu erfinden, das ist, was ich in meinem Leben wirklich möchte. Bis heute lebe ich davon, neue Musik zu komponieren und zu spielen. Mein Wunsch, Musik zu erfinden, die auch andere nachspielen, ist nur begrenzt in Erfüllung gegangen. Ich bin meistens der einzige Interpret meiner Musik. Dabei trete ich natürlich nicht alleine auf, sondern im Duo, Trio, Quartett oder größeren Ensembles wie meinem LUX-Orchester. Eines meiner Lieblingsprojekte, auf die ich gerne zurück blicke, ist die Text-Musik-Collage „KlangWeltReligion“, die 2000 auf der Expo in Hannover aufgeführt wurde. Wenn bei einem Projekt alles zusammen passt, der Platz, der Inhalt, die Atmosphäre und alles gemeinsam einen Sinn ergibt, dann ist es wirklich sehr befriedigend.
Universen aus Klängen und Zahlen
Heute habe nach wie vor eine hohe Affinität zu technischen Dingen. Genauso wie es in der Mathematik die Zahlen gibt als eine Art Sprache, um die Welt zu beschreiben, gibt es in der Musik das System der Noten. Es gibt in beiden Gebieten kreative Felder, die man gestalten kann. Albert Einstein war als Wissenschaftler ein künstlerisch kreativer Mensch. Er hat erkannt, dass es ein Muster hinter allem gibt. Beethoven hat durch seine Musik ein ganzes Universum geschaffen – und das mit nur zwölf verschiedenen Tönen. Zusätzlich zur Naturwissenschaft hat die Kunst noch eine sinnliche Komponente, sie geht über das Beschreibbare hinaus.
Nischen-Suche in der Aachener Szene
In der Aachener Musikszene ist es manchmal nicht einfach, sich zu positionieren. Mit dem reichhaltigen kulturellen Angebot und einem begrenzten Einzugsgebiet, muss ich für mein Publikum auffindbar sein. Auch wenn ich weiß, dass die Studierenden seit der Studienreform noch eingespannter als vorher sind, würde ich mir doch wünschen, dass sie mehr am kulturellen Leben in Aachen teilhaben. Mit meinem neuen Projekt „Sounds of Science“ greife ich die tägliche, akustische Umgebung der Studierenden auf. Mit Klängen aus den Labors und Forschungshallen der RWTH und all ihren technischen Gerätschaften erschaffe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Christoph Titz (Trompete) einen inspirierenden Klangkosmos, der unsere akustische Umwelt völlig neu beleuchtet.
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